„Gebt uns Ali zurück!“ – ein Soli-Flashmob

Freunde von Ali haben einen Internet-Flashmob namens „Gebt uns Ali zurück“ ins Leben gerufen. Sie erzählen Geschichten, die sie mit Ali erlebt haben. Ali ist Geflüchteter, Menschenrechtler, LGBT-Aktivist und Journalist – vor allem aber ist er ein Freund … der vielen seit vier einhalb Monaten fehlt.
Wir stellen euch hier die ersten drei Berichte vor. Weitere folgen in der Kategorie „Flashmob für Ali“.

Demitrios Iv Rebrou
18. Oktober um 06:19, Moskau
Wir haben hier einen kleinen Flashmob angeleiert. Aber zuerst möchte ich euch eine Geschichte erzählen:
Im August letzten Jahres bin ich eines warmen, stickigen Sommerabends mit Ali zu mir nach Hause geschlendert. Beim Hauseingang angekommen, hörten wir plötzlich ein Fiepsen. „Kätzchen!“ erkannte Ali sofort. Anscheinend hatte die Katzenmutter unter der Motorhaube eines massiven Geländefahrzeugs Kätzchen geworfen. Es ist ihr gelungen, ihren Wurf unter dem Fahrzeug hervorzuretten. Nur ein Kätzchen ist dabei zurückgeblieben. Ich war unglaublich müde und wollte eigentlich nur noch ins Bett. „Was gibt’s denn da noch?“ gab ich erschöpft von mir. Aber Ali erwiderte nur: „Verstehst du denn nicht? Das Kätzchen lebt noch!“. Also hat er mich nicht nur dazu gebracht stehen zu bleiben, er hat es auch irgendwie geschafft den Autobesitzer ausfindig zu machen (und das mitten in der Nacht um halb 12!) und ihn zu überreden das Kätzchen unter der Motorhaube hervorzuholen. Bis 3 Uhr nachts haben wir die gesamte Straße nach der Katzenmutter abgesucht, in alle Keller geschaut. Wir konnten sie leider nicht finden. Am Ende hat Ali dieses kleine Fellknäuel zu mir in die Wohnung geschleppt und mich überredet, es wenigstens für ein paar Tage bei mir zu behalten. Aus Tagen wurden Wochen, in denen Ali manisch mit Milchfläschchen und Impfspritzen um das Kätzchen herumtanzte. Seither ist das Fellknäuel gewachsen. Während ich diese Zeilen schreibe, liegt ein majestätischer rot-getigerter Kater auf meinem Schoß. Mein Kater Pashtet (russisch für „Pastete“). Eben das kleine, fiepsende Fellknäuel, an dem Ali nicht einfach vorbeigehen konnte. Und eben das Fellknäuel, an dem ich ohne Ali einfach vorbeigegangen wäre.
Und Ali sitzt schon seit Monaten hinter Gittern im SUWSIG, einem Abschiebegefängnis für Migranten. Mutterseelenallein. Und wartet auf seine Abschiebung nach Usbekistan, wo ihn Folter und der sichere Tod erwarten. WIR, Alis Freunde fordern seine sofortige Freilassung aus dem SUWSIG und die Erlaubnis, ihn nach Europa ausreisen zu lassen. Gebt uns Ali Feruz zurück. Er ist unser Freund und wir lieben ihn sehr.
Und außerdem: Bitte setzt diesen Flashmob fort […]. Könnt ihr auch eine Geschichte über Ali erzählen? Schreibt sie auf. Share, re-post. Und so weiter…
#FreeAli #ОтвалиОтАли


Elena Kostyuchenko
18. Oktober 2017 um 22:31
Das auf dem Bild sind wir. Fünf Stunden nach der Verhaftung, drei Minuten vor Haftantritt, eine halbe Stunde vor seinem Selbstmordversuch, eine Stunde vor der Folter mit dem Elektroschocker, zwei Stunden vor dem Gefängnis.
Es gibt verschiedene Formen von Familie: Es gibt Menschen, mit denen du durch deine Geburt verbunden bist. Dann gibt es solche, mit denen du durch Liebe verbunden bist. Andere, mit denen dich die gemeinsame Sache verbindet. Und dann gibt es noch Menschen, die werden einfach so zu deiner Familie, sie sind auf einmal einfach da, sie kommen in dein Leben, stellen sich neben dich und bleiben. So als wäre es nie anders gewesen.
Ich habe diese Geschichte wahrscheinlich schon 100 Mal erzählt. Vor drei Jahren kam ein Praktikant zu mir. Es kommt vor, dass ich sehr viele Praktikanten habe, aber es gibt auch Zeiten, da habe ich keinen Einzigen. Damals hatte ich zwei Jungs aus Voronezh und zwei Moskauer Studentinnen. Und da kommt plötzlich dieser Typ rein. Usbeke, das Gesicht irgendwie grau, schrecklicher Haarschnitt, sehr leise Stimme. Steht da wie ein Baum. Ich frage: „Worüber wollt ihr schreiben?“. „Ich hab’s schon geschrieben“. Und das war der Artikel „Geflüchteter aus Usbekistan im Moskauer Zentrum entführt“. Da geht es um einen usbekischen Regisseur, der aus seinem Land geflüchtet war. In Moskau arbeitete er als Taxifahrer. Dann ist seine achtmonatige Tochter krank geworden und er fuhr Frau und Kind mit dem Taxi ins Krankenhaus. Und das wars. In diesem Artikel werden die Mechanismen eines solchen Verschwindens erklärt. Und außerdem: „Nach solchen Entführungen verschwinden manche Menschen einfach vom Erdboden, aber die meisten landen in ihrer Heimat, wo sie Folterungen ausgesetzt sind: Sie werden totgeschlagen, mit kochendem Wasser übergossen, die Nägel werden ihnen rausgerissen.“. Und außerdem: „Bei dem Entführten handelt es sich laut Erkenntnisstand von Menschenrechtsaktivisten um den Geflüchteten Lativ Zhalolboev. Er ist Mitte März diesen Jahres verschwunden. Nun berichten Menschenrechtsorganisationen, dass er sich in einem Tashkenter Gefängnis befindet.“ Der Artikel war vom Juni.
Ich lebte damals noch mit dem Luxus, nichts über die Entführungen usbekischer Geflüchteter zu wissen. Darüber, dass es sich hier nicht einmal um eine Reihe von Ereignissen handelte, sondern um eine ganze Flut, einen Transit. Dass der FSB (Anm.: russischer Geheimdienst) und der SNB (Anm.: usbekischer Geheimdienst) stolz auf ihre so gegenseitig begünstigende Zusammenarbeit im Austausch von Köpfen sind. Dass das Jahr 1937 (Anm.: gemeint ist das Jahr des „Großen Terrors“ unter Stalin) in Usbekistan schon seit 20 Jahren Realität ist. Das alles war noch nicht Teil meines Lebens. Und ich hätte nie gedacht, dass mich das irgendwann persönlich betreffen könnte. Der Artikel war seltsam. So schreiben Leute, die das erste Mal oder fast zum ersten Mal schreiben. Ich machte mich ans verbessern. Der Typ stand dabei die ganze Zeit hinter mir. Ich habe jeden meiner Handgriffe erklärt und er dabei geschwiegen. Ich dachte bei mir: „Versteht der überhaupt was ich sage?“ (Ja, ich bin wie es scheint auch noch eine Alltagsnationalistin), aber korrigierte dabei weiter. Parallel korrigierte ich die Rechtschreibung (die eine Katastrophe war), setzte Kommata. Das alles dauerte etwa eine Stunde. Fertig korrigiert. Der Typ bedankt sich. Und auf einmal: „Kann ich bei euch ein Praktikum machen? Ich möchte schreiben, am Liebsten für die Novaya.“. Ich druckste etwas rum, etwas in der Art von: Jaja, natürlich, das geht schon – aber Sie werden einige Bücher lesen müssen. Man muss die Sprache, mit der man arbeitet gut beherrschen.“ Der Typ bedankte sich ein zweites Mal und ging. Und da ruft mich plötzlich Mikeladze in sein Büro, der große Redakteur höchstpersönlich. Und sagt: „Gib mal rüber den Artikel.“ Liest ihn. Sagt weiter: „Bleib an dem Jungen dran. Sehr vielversprechend.“ Ich war total perplex. Erstens: Mikeladze würde so etwas nicht leichtfertig dahinsagen. Und Zweitens: Was ist an dem Typen denn Vielversprechendes? Der kann ja kaum einen geraden Satz auf Russisch schreiben!
Und dann kam er nach anderthalb Jahren wieder. Mit einem exzellenten Russisch. Und legte sofort los, grandiose Texte abzuliefern. Es stellte sich heraus, dass Russisch so etwas wie die siebente oder neunte Sprache ist, auf der Ali spricht und schreibt. Nach einem halben Jahr fragte Muratov (Anm.: Chefredakteur der Novaya Gazeta), was wir tun müssten, um Ali endlich fest in unser Redaktionsteam aufzunehmen. Was muss getan werden, damit Ali sich legalisiert. Zu diesem Zeitpunkt kannte ich bereits Alis persönliche Geschichte. Seine ausführliche Hölle. Seine gesamte persönliche Geschichte liegt in seinem Facebook-Profil. Ali hat sich nie geschämt, nicht für die Vergangenheit, nicht für die Gegenwart. Ja, Flüchtling. Ja gefoltert und gebrochen worden. Ja, schwul. Ja, Linker. Ja, ohne Ausweis. Es schien, als hätte er einfach vor nichts Angst – doch heute ist klar, es gibt diese Angst und er blickt ihr geradewegs in die Augen. Er hat schon immer geradeaus alles gesagt was er will, wann und zu wem er es will. An seinem ersten Tag in der Redaktion fuhr er den Exekutivsekretär Dubov, für ein viel zu offensives Kompliment an. „Sie können doch so nicht mit einer Frau reden!“, haute er raus. Da hat Dubov hat fast graue Haare bekommen. Daraufhin rauchten die beiden täglich zusammen und diskutierten über Feminismus. Und das ist eine für Ali absolut typische Geschichte: Ohne Böswilligkeit zu diskutieren und die Gegenspieler in Freunde verwandeln. Außerdem ist er sehr gutmütig und aufrichtig. Er leidet aufrichtig, er freut sich aufrichtig, er denkt aufrichtig und er hasst aufrichtig. Tanzt auf seinen kaputten Beinen. Als wäre er auf ewig 13. Er hat es eilig zu leben. Er liebt Umarmungen. Wir haben schon lange den Status „Arbeitskollege“ überwunden, auch wenn es in der Novaya ohnehin sehr fließende Grenzen sind. Wir sind sehr enge Freunde. Ich lerne von ihm. Es ist genau der Fall, in dem ein Freund einem um Längen voraus ist.
Ali hat mich schon ein paar Mal gerettet. Buchstäblich, physisch.
Und ich habe ihn nicht retten können.
Seit 2,5 Monaten kann ich nicht leben.
Bitte lasst ihn frei.
#FreeAli #ОтвалиОтАли


Svetlana Kushtalova
18. Oktober um 14:09
Zum ersten Mal habe ich Ali im Frühling diesen Jahres getroffen. Das war am letzten Freitag im April und wir diskutierten die Situation der LGBT in Israel im Zusammenhang mit der Ankunft des zauberhaften Jasha.
N
ach dieser lebhaften Diskussion konnten wir selbstverständlich nicht einfach so getrennter Wege gehen, wir mussten weiterdiskutieren: weiter, umfangreicher, lauter und fröhlicher! Und dann kam schon das Taxi, ich habe viel von der Stadt Labytnangi erzählt und Ali wollte mich sofort auf Facebook finden. Ali zeigte uns seine Lieblingsclubs, fragte nebenbei immer ob sein Tanzen nicht zu aufdringlich sei. Ein Abend mit vielen Drückern und einer überraschenden Aufrichtigkeit.
Und gerade Alis Aufrichtigkeit ist es, die sich mir am stärksten einbrannte. Er spricht sehr ehrlich über sich selbst, fragt ehrlich nach und provoziert damit eine genauso ehrliche Reaktion bei seinem Gegenüber. Er schafft es so die Menschen zu entwaffnen und für sich zu gewinnen. Tatsächlich habe ich an diesem Abend (der sehr erfolgreich in einen gemeinsamen Morgen überging) sehr viele tolle Menschen kennengelernt.
Und ich bin sehr froh, dass ich jeden einzelnen von ihnen mit einer gewissen Regelmäßigkeit sehen kann, sie hier auf Facebook lesen kann, mich an ihren Erfolgen erfreuen kann und außerdem weiß, dass ich ihnen jederzeit schreiben kann.
Aber nichts von alledem ist jetzt gerade für Ali möglich.
Und verdammt nochmal, das dauert jetzt nun seit Monaten an.
WIR, Alis Freunde fordern seine sofortige Freilassung aus dem SUWSIG und die Erlaubnis, ihn nach Europa ausreisen zu lassen. Gebt uns Ali Feruz zurück. Er ist unser Freund, wir lieben ihn sehr und möchten ihn wieder in Freiheit sehen. Gebt uns Ali zurück!
Und natürlich bitte ich alle, die genauso besorgt sind ob dieser schrecklichen Situation, sich unserem Flashmob anzuschließen. Aleksandra Alekseeva, Marta Khromova ich möchte eure Geschichten lesen! 
Da Ali gerade nicht die Möglichkeit hat von sich zu erzählen, lasst uns das für ihn tun.
#FreeAliFeruz #FreeAli #ОтвалиОтАли

 

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