„Sklaven für einen Tag“ arbeiteten die Wahllokale ab

Was bedeuten die Ergebnisse der Wahlen in Usbekistan für meine Schwester?

von Ali Feruz für die Novaya Gazeta, 06. Dezember 2016

Ich bin in Usbekistan geboren und aufgewachsen. Jetzt lebe ich in Russland, wie die meisten meiner Verwandten. Nur meine Cousine, die sich ein paar in St. Petersburg durchschlug, schreibt, dass sie in ihre Heimat zurückgekehrt ist. In der Heimatstadt Kokand am Fuße des Alaigebirges, einer der nördlichen Ausläufer des Pamirs, studierte sie an einer russischen Schule und absolvierte anschließend das Kollege für Buchhaltung.

Jetzt schreibt sie, dass sie als „Madikor“ arbeiten geht.

Als ich 14 Jahre alt war, arbeitete ich auch als „Madikor“. Wörtlich bedeutet es „Mann und Arbeit“, aber ins Russische wird es normalerweise als „Sklave für einen Tag“ übersetzt. Wir mussten 5 Uhr aufstehen. Dann gingen wir auf den Parkplatz am Rande der Stadt, von dort aus sammeln Minibusse, rostige alte „Mercedese“, die „Madikors“ zum „Markt“ in der Nähe der Obstplantagen ein.

In der Regel sind die Busse bis oben hin voll. Zehnjährige, Siebzigjährige. Männer und Frauen.

Auf dem «Markt», wo sie Leute, wie uns hinbringen, wählen die Plantagenbesitzer Arbeiter_innen aus. Jede_r wird begutachtet, es werden sich die Zähne angeschaut, die Größe, der Körperbau. Die jüngeren Knaben versuchen sich gut darzustellen, breiten ihre Schultern aus, um größer auszusehen und als Erwachsene durchzugehen. Damit die bloß irgendjemand nimmt.

Auf den Plantagen ist eine unglaubliche Hitze. Ich sortiere in der sengenden Sonne völlig in Schweiß gebadet Aprikosen. Die Arbeit endete zum Sonnenuntergang. Dann wieder auf den Parkplatz, von dort aus in einen Bus und nach Hause.

Ich konnte das nur zwei Tage aushalten, dann bekam einen Sonnenstich und war lange krank.

Diejenigen, die nicht in Russland arbeiten konnten wurden fast alle „Madikors“. Es gibt keine andere Arbeit. In Usbekistan leben nur Beamte und Polizisten im Wohlstand.

Nach 25 Jahren Herrschaft des «Großvater» (wie seine Untergebenen Karimow liebevoll nennen) ist die Wirtschaft des Landes so tief gesunken wie noch nie. Obwohl Usbekistan ein reiches Land ist: Gas, Öl, Gold und viele andere natürliche Ressourcen, und vor allem — eine große Fläche, auf der die Landwirtschaftliche Nutzung ausgebaut werden kann. Im Export von Baumwolle ist Usbekistan weltweit führend.

Die Probleme mit der Wirtschaft führen in der Gesellschaft zu sozialen Protesten. Aber für die Teilnahme an solchen Protesten kann man leicht ins Gefängnis bzw. generell abhanden kommen.

Im Jahr 2005 war ich in Andijon, ein paar Tage nach der Massenerschießung von Demonstrantinn_en. Die Stadt war halb leer, auf den grauen fünfstöckigen Gebäuden blieben Spuren des Angriffs zurück. Auf den Straßen — einige Geheimdienstler und Millitärs, die jede_n Besucher_in befragten: zu wem man wolle, warum man gekommn sei und wann man wieder wegfahren würde. Alle Toten wurden still und ohne Tränen begraben, ihre Verwandten trauerten um den Verlust ihrer Angehörigen, versteckt hinter den Mauern Ihrer Häuser.

In jenen Tagen gab es ein Gerücht unter den Leuten, dass „Großvater“ ernsthaft krank sei und nicht mehr lange zu leben hätte, na lasst uns noch ein bisschen warten – und das wird endlich ein Ende haben.

Davor den Namen „Großvater“ laut auszusprechen, fürchteten sich alle. Jede_r kannte das Sprichwort : „Unter jeder Tjubetejka gibt es Ohren“. [Tjubetejka, russ.: тюбетейка, ist die traditionelle Kopfbedeckung in muslimischen Regionen Russlands und Ländern Zentralasiens]

Die meisten Oppositionellen gingen in den Westen, und die gewöhnlichen Menschen gingen nach Rußland, um zu arbeiten. Diejenigen, die blieben, warteten alle. Wartete auf die Wende.

Als Karimow starb, gingen Leute, die nicht offen weinen konnten, als ihre Lieben begraben wurden, mit Tränen auf die Straßen und trauerten um „Großvater“.

Aber diejenigen, die mehr als 25 Jahren darauf gewartet hatten, sprachen auch über die Wende. Oppositionelle begannen über die Rückkehr in die Heimat nachzudenken. Kurz vor den aktuellen Wahlen telefonierte ich mit einer usbekischen Menschenrechtsaktivistin (auch im Exil), wollte wissen, was sie vom neuen Präsidenten erwartet. Sie sagte zu mir: «Mein Häschen, wir schauen uns das noch einen Monat an — und fahren wieder nach Hause».

Dass ein Schüler Karimovs – der Premierminister Shavkat Mirziyoyev [seit 14.12.2016 Staatspräsident von Usbekistan, Anm.d.Ü.]der neue Präsident der Republik Usbekistan werden würde, wussten alle. Die Intrige Bestand darin, mit welchem Ergebnis er gewinnen wird. Die Prozentzahl, der er den «dekorativen» Konkurrenten überlässt, schien für alle der Maßstab für die kommende Humanisierung des Regimes zu sein.

Und Mirziyoyev hat sich im Land als ein sehr liberaler Politiker positioniert.

Karimov erhielt in verschiedenen Jahren seiner Regierungszeit 92-98%.

Der neue Präsident Shavkat Mirziyoyev bekam gut 87% der Stimmen — 5% weniger als Karimov in schlechten Zeiten. Ein Ergebnis zu zeigen, welches das Ergebnis des Lehrers übertroffen hätte, wäre für usbekische Verältnisse natürlich nicht schön gewesen. Aber 5%, die die beiden Präsidenten unterscheidet, sagen eindeutig aus, dass Mirziyoyev — ein guter Schüler ist. Er führt den Weg Karimow würdig fort.

Und in den nächsten sechs Jahren bleibt meine Schwester «Madikor». Ich bleibe in Russland.