„Bei uns brennt `s. Ich komm nicht raus. Verzeih …“

von Ali Feruz für die „Novaya Gazeta“, 16.09.2016

In der Moskauer Druckerei wurden 17 Frauen getötet. Kolleginn_en und Verwandte erzählen der „Novaya Gazeta“, wie sie gelebt haben.

Am 27. August brach in der Druckerei „Print Express“ auf der Altufevskoe Chaussee ein Feuer aus. 17 Frauen starben. 17 Familien verloren ihre Verwandten. Jemand eine Mutter, jemand eine Tochter. Und jemand bleibt ohne seine geliebte Frau zurück, die ein Kind erwartete: Eine der Toten war im fünften Monat schwanger. Das heißt im Gunde genommen sprechen wir über 18 Opfer.

Sie arbeiteten in zwei Schichten. Zeitplan: zwei Tage Doppelschicht, zwei Tage frei. Gehalt: 16-18 Tausend Rubel [entspricht ca. 230 – 260 €, Anm.d.Ü]. Vor kurzem hat die Druckerei die Ausschreibung des Mobilfunkbetreibers Tele2 gewonnen. Sie haben Briefumschläge für SIM-Karten gedruckt.

„Das Feuer begann morgens zwanzig vor acht, als wir Schichtwechsel hatten. Wir und die Hilfsarbeiter_innen übergaben die Schicht, gingen in Richtung Fahrstuhl und vernahmen einen Geruch,“ – sagt Nurlan, einer der Angestellten der Druckerei. „schauten aus dem Fenster und sahen weißen Rauch aus dem ersten Stock.“

]Der Version des Katastrophenschutzministeriums zufolge stieg der Rauch in den vierten Stock durch die Luke eines Lastenaufzugs bis in den vierten Stock – in der zweiten und dritten [Etage, Anm.d.Ü) war der Aufzugsschacht geschlossen.

„Ich bin in den Laden gelaufen, um alle zu warnen,“ sagt Nurlan. „Dann ging ich in den Umkleideraum zurück, um die Sachen zu holen. Raus ging ich bereits blind, durch Tasten, so veraucht war es. Aber nach acht Jahren kennt man alle Ausgänge und Korridore.

Die Feuerwehrleute, lt. Personal der Druckerei, kam nach 8-10 Minuten. Auf einer Seite des Gebäudes halfen sie den Arbeitern, von der vierten Etage herabzusteigen, und auf der anderen Seite, die Frontseite, löschten sie das Feuer. Aber alle Toten waren in der Umkleideraum, die sich an der Frontseite befindet.

„Von dieser Seite haben nur unsere Leute versucht, die Mädchen aus einem kleinen Fenster zu holen“, sagt Nurlan. „Sie haben vier rausgeholt. Eine von ihnen, Aichurok Abdumamatova, erreichte das Krankenhaus nicht. Unsere Mädchen – keine von ihnen ist verbrannt. Alle starben an Kohlenmonoxid (Ärzte bestätigten dies.) – Ed.).

Der Untersuchungsausschuss hat ein Strafverfahren unter dem Artikel „Verletzung der Sicherheitsregeln, die durch Unfall den Tod von zwei oder mehr Personen verursacht“ eingeleitet. Als Hauptversion betrachtet die Untersuchung einen Kurzschluss in der Lampe. Gegen den Generaldirektor der Druckerei und den Chefingenieur, der für die Einhaltung der Brandschutzordnung verantwortlich ist, wurde Anklage erhoben. Der Generaldirektor wurde verhaftet. Der Untersuchungsausschuss überprüft ebenfalls die Aktionen des Rettungsdienstes.

12 Tote waren Staatsangehörige Kirgistans. Fünf – Russlands. „Novaya Gazeta“ erzählt nach Aussagen der Freunden und Verwandten über sie.

aus novayagazeta.ru

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Nuray Dzhumadylova

17 Jahre alt, Dorf Akbulun, Issyk-Kul Oblast, Kirgisistan

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Nurai – der jüngste der Toten, sie absolvierte erst dieses Jahr die Schule. In der Republikweiten Prüfung (das Äquivalent zur russischen Einheitlichen Staatlichen Abschlussprüfung [nach 11 Schuljahren, entspricht nach russischem Bildungssytem dem Abitur, Anm.d.Ü.]]) erreichte Nuray eine hohe Punktzahl, und wollte studieren. Sie beschloss aber vor dem Beginn des Studium für ein zu arbeiten. Sie kam im Juli nach Moskau. Am 10. September wäre sie 18 Jahre alt geworden.
In der Druckerei arbeite Nuray erst die zweite Woche. Gemeinsam mit ihr arbeitete auch ihre Mutter, Assel. Am 28. August wollten sie nach Kirgisistan fliegen. Am Tag des Feuers hatte ihre Mutter einen freien Tag. Nuray hinterlässt auch einen Bruder und einen Vater.

aus novayagazeta.ru

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Gulbara Bobekova

45 Jahre alt, Kemin, Region Chui, Kirgisistan (russische Staatsbürgerin)

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Sie kam nach Moskau, um Geld für die Ausbildung an der Universität ihres mittleren Sohnes zu verdienen. Vor fünf Jahren erlebte sie den Tod des älteren.
„Jeder hat sie respektiert. Wir sagten: „Ezheshka, ezheshka!“ („Tante“ auf Kirghisisch – Ed.) – sagt ihre Kollegin Belek.
Ende August wollte Gulbara Urlaub nehmen und zu Verwandten nach Kirgisistan faren. Nach ihrem Tod veröffentlichte ihr Mann die Fotos von Gulbara im Internet. Er unterschrieb: „Ar daim zhurohumdosun.“ In Übersetzung ins Russische: „Immer in meinem Herzen“. Auf einer dieser Fotos ist Gulbara hinter der Maschine in der Druckerei.

aus novayagazeta.ru

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Zharkynay Abduganiyeva

34 Jahre alt, Dorf Tolos, Region Osh, Kirgisistan (russische Staatsbürgerin)

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„Zharkynay war ein sehr energisches Mädchen. Ie machte alles im Handumdrehen. Niemand hat sie jemals traurig gesehen“, erzählen die Kollegen. „Wenn sie etwas in Angriff genommen hat, hat sie es immer zum Ende gebracht. Sie kam immer früher als alle anderen, zog sich um und liebte es in der Küche zu sitzen und mit Kollegen bei einer Tasse Kaffee zu plaudern.“
Vor einem Monat ging Zharkynay nach Kirgisistan, um ihren Sohn und ihren Mann zu sehen. Es war das letzte Treffen.

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Dinara Raimkulova

33 Jahre alt, Kyzkol Dorf, Jalal-Abad Oblast, Kirgisistan

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Laut Kollegen war Dinara eine sehr bescheidene Frau. Sie kam nach Moskau, um ihre Kinder – zwei Töchter und ein Sohn, der in der sechsten Klasse ist – , die bei der Großmutter in Kirgistan blieben, zu versorgen. Fast das Geamte Gehalter schickte sie nach Hause.
Sie träumte davon, jedem ihrer Kindern ein Haus zu bauen. Sie sagte, dass sie in zwei Monaten nach Hause zurückkehren und nicht wieder nach Russland gehen würde. Das Getrenntsein [von ihren Kindern, Anm.d.Ü.] hielt sie schere Herzens aus.

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Aisuluu Bazarbai Kizi

23 Jahre alt, Kurshab Dorf, Region Osh, Kirgisistan

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Aisuluu war bescheiden und schüchtern, sagen ihre Freunde. Sie verlor ihre Mutter, als sie zwei Jahre alt war. Sie wuchs mit ihrer Tante auf. In der Familie war sie das einzige Mädchen: ihre Tante hatte vier Söhne.
Nach Moskau kam Aisuluu nach dem Schulabschluss, um zu arbeit. Auf der Arbeit wurde sie die „orientalische Schönheit“ genannt.

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Makhigul Azimjan Kizi

20 Jahre alt, Kurulusch Dorf, Jalal-Abad Oblast, Kirgisistan

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In der Druckerei begann Mahigul im Juli. Ein paar Tage vor der Tragödie erhielt sie ihr erstes Gehalt.
Vor anderthalb Jahren heiratete sie. Sie träumte davon, Mutter zu werden. Der Mann arbeitet in Moskau als Hilfsarbeiter. Sie kamen gemeinsam nach Russland, um für ein Haus in Kirkistan Geld zuverdienen und in ihre Heimat zurückzukehren.

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Kiyal Alaberdieva

30 Jahre alt, Chelpek Dorf, Issyk-Kul Oblast, Kirgisistan

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Kiyal war im fünften Monate schwanger. Am 30. August wollte Sie in den Mutterschaftsurlaub gehen. Ihr Mann Arkit war auch zum Arbeiten in Moskau, ein Ladearbeiter im Lager. Während des Feuers rief Kiyal ihren Mann an und bat ihn um Hilfe.
„Bei uns brennt es. Ich komm nicht raus. Verzeih mir, „waren ihre letzten Worte.
Die Frau hinterlässt zwei Kinder in Kirgistan.

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Alina Kanatbek Kizi

22 Jahre alt, Dorf Tolos, Region Osh, Kirgisistan

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Sie arbeitete mit meinem Mann in der Druckerei. In Kirgisistan hatten sie ein altes Elternhaus. Sie wollten es renovieren und kamen deshalb, um zu arbeiten.
Alina studierte an der Osh State University an der Pädagogischen Fakultät. Sie hinterlässt einen zweijährigen Sohn.

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Olga Orlova

49 Jahre, Moskau

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Sie arbeitete seit etwa fünf Jahren in der Druckerei. Von Verwandten ist nur eine Schwester und eine Nichte bekannt. Laut Kollegen hatte Olga eine „kämpferische Natur“. Sie war nicht verheiratet. Hatte keine Kinder. Wenn ihr etwas nicht gefiel – sagte sie es gerade heraus. Sie wurde geliebt, weil sie einfach war. Schwäche zeigte sie nur bei Tieren. Sie konte endlos über ihre Katze sprechen.
Am Ende jeder Stunde gab es in der Druckerei eine Fünf-Minuten-Pause. Alle orientierten sich an Olga geführt: Sie stand zuerst auf und ging zuerst zur Maschine zurück.

aus novayagazeta.ru

aus novayagazeta

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Aikol Abdakim Kizi (l), 23 Jahre alt, Dorf Kabylan Kol, Region Osh, Kirgisistan

Alina Topchieva (m), 22 Jahre, Osh, Kirgisistan

Janylmyrza Korgonbai Kizi (r), 21 Jahre, das Dorf Karadobo, Region Osh, Kirgisistan

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Aikol und Alina waren Cousinen. Janylmyrza war eine enge Freundin Alinas.
Alina ist niemandem jemals zu nahe getreten. In der Familie war sie das einzige Kind. Sie liebte es zu tanzen. In Kirgisistan trat sie mit dem berühmten Ensemble „Kyz Burak“ auf. Geträumt davon, berühmt zu werden und traditionelle Tänze auszuführen. Im Print Express arbeitete sie etwa ein Jahr.
Aikol war erst seit kurzem in der Druckerei tätig. Dort arbeitete sie und ihr Bruder, der bis zum versuchte, seine Schwester zu retten.
Janylmyrza war das jüngste Kind in der Familie. In der Schule studierte sie „ausgezeichnet“. Sie absolvierte die Universität als Designerin. Im Juni, trotz des Widerstandes ihrer Eltern, kam sie nach Moskau – zu Alina – und kam auch in die Druckerei. Als das Feuer ausbrach, gelang es ihr zu fliehen, aber kehrte zu ihren Freundinnen zurück und starb mit ihnen.

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Nina Bisyuk

34 Jahre, Moskau

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Nina arbeitete in der Druckerei seit mehr als drei Jahren. Ihre Schwester Anastasia sagt, dass Nina das Kollektiv mochte.
Die Frau war geschieden, sie zog allein zwei Töchter – Zwillinge – auf. Am 27. August, als es brannte, waren die Kinder im Ferienlager. Am nächsten Tag sollte Nina sie abholen.

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Almash Kamchybekova

18 Jahre alt, Kurshab Dorf, Region Osh, Kirgisistan

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Sie arbeitete seit mehr als ein Jahr in der Druckerei. Alle ihre fünf Schwestern (Almash war die jüngste) arbeiteten zu verschiedenen Zeiten im „Print Express“. Eine von ihnen war auch im Gebäude am Tag des Feuers, aber schaffte es, zu fliehen

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Indira Matkasymova

39 Jahre, Karakol, Provinz Issyk-Kul, Kirgisistan

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Indira war verheiratet, ihr Mann arbeitete in der moskauer Vorstädten. In Kirgisistan hinterließ sie drei Kinder. Der älteste Sohn ist Student, der mittlere ist Schuljunge, der Jüngste geht in einen Kindergarten.
Zwei Tage vor dem Feuer kam Indira aus dem Urlaub zurück.

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Aichurok Abdumamatova

26 Jahre alt, Osh, Kirgisistan

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Aichurok hat vor zwei Monaten einen Job bei der Druckerei bekommen. Die Kollegen von Aichurok konnten sie aus dem brennenden Gebäude ziehen, aber sie starb im Krankenwagen auf dem Weg ins Krankenhaus.
Sie war verheiratet, und hinterlässt zwei Kinder.

aus novayagazeta.ru

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Karina Filimonova

36 Jahre, Moskau

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Karinas Verwandten wollten der „Novaya Gazeta“ nichts über sie erzählen. Von Kolleginn_en ist bekannt, dass die Frau zwei Kinder hinterließ.



Printversion erschien in der Nummer 102, 14.09.2016
Onlineversion erschien am 14.09.2016