„Das fehlte noch, die Schwulen schützen“

Ali Feruz in colta.ru, 13.04.2016
Übersetzung und Publikation auf Deutsch декоder.org, 19.04.2016

© Роман Яндолин / ТАСС von colta.ru

Die Nachricht vom Mord an dem bekannten Journalisten Dimitri Zilikin erschütterte Ende März die russische Medien-Community. Zilikin, der unter anderem für Vedomosti und den Kommersant geschrieben hatte, war in seiner Petersburger Wohnung tot aufgefunden worden. Er war an dutzenden Messerstichen verblutet. Der Täter hatte außerdem Computer und Handy gestohlen und nach der Tat die Wohnungstür von außen verschlossen.

Es sind Codes wie dieser, die alle kennen: Ein alleinstehender Mann, den man tot in seiner eigenen Wohnung findet. Alles deutet auf ein Gewaltverbrechen hin, oft ist das Opfer zuvor beraubt worden. Die Publizistin Masha Gessen beschreibt in der New York Times in ihrem Artikel The Art of Reading Russian Obituaries (Die Kunst, russische Todesanzeigen zu lesen) diese Verschlüsselung von Gewaltverbrechen gegen Homosexuelle in Russland. Jeder weiß, worum es geht, aber keiner spricht darüber.

Die geringe Akzeptanz von LGBT spiegelt sich auch in dem im Juli 2013 erlassenen Gesetz, das so genannte homosexuelle „Propaganda“ unter Strafe stellt – etwa eine positive Äußerung über Homosexualität in Anwesenheit von Kindern oder Minderjährigen.

Colta.ru holt in vier Interviews mit einem Polizisten, einer Juristin und zwei schwulen Männern, die selbst Opfer homosexuellenfeindlicher Gewalt wurden, das Phänomen aus der Tabuzone.

Alexej Lewaschtschew, Wirtschaftler

Der Überfall geschah auf der Wassiljewski-Insel in Sankt Petersburg am 22. November 2015 gegen neun Uhr abends, im Tutschkow Pereulok. Nicht weit von der Metrostation Sportiwnaja. Ich trat aus dem Gebäude, in dem das LGBT-Filmfestival Bok o Bok („Seite an Seite“) stattfand, und ging Richtung Metro. Ich war allein.

Plötzlich sah ich mich von irgendwelchen Typen umringt, von vorn versperrte mir so ein junger Muskelprotz den Weg, einer mit Schnurrbart. Das war nicht irgendein normaler Kerl, das war so ein Kampfsporttyp. Und hinter mir, wie wenn die Welpen auf die Jagd mitgenommen werden, so Jungsche. Wolfswelpen. Die werden mitgenommen, damit sie lernen, wie man jemanden angreift. Vielleicht waren sie noch nicht mal volljährig.

Die Typen sahen alle slawisch aus, keine Spur kaukasisch. Es war ein Gefühl wie im Krieg: die werden dich töten, einfach, weil du Soldat bist. Also es hat keiner mit mir gesprochen. Der Typ, der mir den Weg versperrte, sagte so was wie „Hallo Schwuchtel“ oder „Hier nimm das, du Schwuchtel“. Dann habe ich die Arme vor dem Gesicht verschränkt und nichts mehr gesehen.

Zwei Rippen haben sie mir gebrochen und die Nieren verletzt. Sie haben mehr als sieben Minuten lang auf mich eingeschlagen. Wie viele es waren, kann ich nicht mehr genau sagen. Als ich mich losreißen konnte, drehte ich mich um – da standen mindestens zehn Leute und skandierten: „Gute Schwuchtel – tote Schwuchtel“.

Ich nahm die Beine in die Hand, rannte bis zur Uferstraße und rief sofort die Polizei. Wie ich gehörte habe, kam die Polizei später auch, doch sie fanden niemanden mehr vor, was offenkundig auch gar nicht ihr Interesse war.

Der Rettungswagen las mich auf der Straße auf und brachte mich ins Marijnski-Krankenhaus. Sowohl den Ärzten als auch der Polizei erklärte ich, dass es sich um einen homophob motivierten Übergriff gehandelt hat. Mit der Polizei sprach ich am Tag des Überfalls allerdings lediglich am Telefon. Persönlich konnte ich die Ermittlerin erst eine Woche später treffen. Sie hieß Olga. Bei ihr machte ich im Beisein meiner Anwältin auch eine ausführliche schriftliche Aussage.

Als ich bei der Polizei eintraf, war die Atmosphäre unangenehm. Ich hatte lauter Verletzungen, fühlte mich unbehaglich. Mir ist generell nicht wohl, wenn ich mit der Polizei zu tun habe. Ich bin ja ein sowjetischer Mensch, 50 Jahre alt bin ich jetzt, und ich weiß nur zu gut, was die bei der Polizei von LGBT halten.

Die Polizisten sahen mich argwöhnisch und später geradezu feindselig an. Olga unterhielt sich kurz mit mir, gab mir drei Blätter, auf denen ich die Geschehnisse beschrieb. Sie nahmen meine Anzeige auf, doch die Täter wurden praktisch nicht gesucht. Selbst ein Strafverfahren leiteten sie erst auf Antrag meiner Anwältin ein, und zwar wegen „leichter Körperverletzung“ und ohne Hinweis auf den strafverschärfenden Umstand, dass es sich um ein Hassverbrechen handelte.

Nach einiger Zeit wurde das Verfahren eingestellt, da die Identität der Täter „letztlich nicht festgestellt werden konnte“. Meine Anwältin legte bei der Staatsanwaltschaft Berufung ein, der Fall wurde anhand desselben Paragraphen noch einmal wiederaufgenommen, später aber auch wieder eingestellt.

Zu Sowjetzeiten war die Miliz Homosexuellen gegenüber feindlich eingestellt, Homosexualität galt als Verbrechen. In den 90ern wurde das etwas besser, aber in den 2000er Jahren war alles wieder beim Alten.

Maria Koslowskaja, Juristin der Petersburger Menschenrechtsorganisation LGBT-Netz

In Petersburg setzte etwa 2012 eine Welle der Gewalt gegen Homosexuelle ein, die Situation hat sich deutlich verschärft. Vorher kamen Übergriffe wesentlich seltener vor, und selbst wenn es welche gab, sprang einem daraus nicht unverhohlene Homophobie entgegen. Die Täter sagten nicht: „Ich schlage dich, weil du schwul bist.“  Jetzt verteidigen sie das Anti-Propagandagesetz, und der Zusammenhang zwischen diesem Gesetz und der Zunahme an Gewalt gegen LGBT liegt auf der Hand. Das Gesetz wird als Zeichen aufgefasst, dass solche Gewalt zulässig ist.

Häufig handelt es sich um organisierte Kriminalität, um Erpressung. Oftmals gehen die Täter so vor wie früher die Bewegung Occupy Pedofiljaj („Occupy Pädophilie“): Auf Online-Kontaktseiten (der letzte Fall, mit dem wir befasst waren, lief über die Mobile Dating–App Grindr), manchmal auch in sozialen Netzwerken wie VKontakte, wird ein Fake-Profil eines – meist zwischen 18 und 20 Jahre alten – jungen Mannes erstellt. Dann wird das Opfer zu einem Date eingeladen, wobei darauf bestanden wird, dass es irgendwohin zu Besuch kommt. Dann lotsen sie es in eine Wohnung.

Nach einer Weile kommt eine Gruppe junger Männer herein, manchmal mit Kamera, und sie fangen an, den Betroffenen zu beleidigen, Geld von ihm zu erpressen, sie nehmen ihm sein Telefon ab, schüchtern ihn ein, drohen, ihn in der Verwandtschaft und vor Kollegen anzuschwärzen, wenden physische Gewalt an.

Oft nehmen sie ihm seine Sachen ab: Handtasche, Handy, Pass, elektronische Geräte. Wenn derjenige eine Bankkarte hat, wird er zum Geldautomaten eskortiert.

Es gab Fälle, in denen die Täter dem Opfer den Pass abgenommen haben und später für die Rückgabe Geld forderten. Die extreme Form dieser Praxis sieht so aus, dass die Treffen von vornherein einzig mit dem Ziel der Gewalt und Misshandlung organisiert werden.

In den meisten Fällen wollen die Opfer nicht zur Polizei gehen. Sie sind eingeschüchtert, haben Angst ihre sexuelle Orientierung zu offenbaren, darum wenden sie sich an uns.

Ich selbst habe einmal jemanden begleitet, dem sie den Pass abgenommen hatten, wir gingen zur Polizei, um Anzeige zu erstatten. Der Ermittler saß da und hielt sich an irgendwelchen nebensächlichen Details auf, dann schlug er vor, den Täter anzurufen, der natürlich nicht abnahm.

Sein Kollege kam aus dem Dienstzimmer und ich hörte, wie er im Flur laut lachte und zu jemandem sagte: „Jetzt kommen hier die Schwuchteln zu uns – das fehlte noch, dass wir die schützen …“ Der Mann, der der Misshandlung und Erpressung ausgesetzt gewesen war, hörte alles mit.

Nicht nur, dass die Polizei in Fällen, die sie als ausgedacht betrachtet, oft keine Anzeige aufnehmen will, sie beleidigt die Opfer auch noch. Von allen von uns zur Anzeige gebrachten Fällen wurde nicht in einem einzigen ordnungsgemäß ermittelt.

2015 hat unsere Organisation LGBT-Netz 284 Fälle von Gewalt und Diskriminierung dokumentiert. Insgesamt haben im vergangenen halben Jahr 107 Menschen uns um Rechtsbeistand ersucht.

Ein Unterleutnant der Polizei, Abschnittsbevollmächtigter im Nordöstlichen Verwaltungsbezirk von Moskau (auf eigenen Wunsch anonym)

In meiner Dienstpraxis gab es das nicht, Hilfsgesuche von Homosexuellen. Aber ich habe auch nie gehört, dass man ihre Anzeigen einfach unter den Tisch fallen lässt. Weder von meinen Kollegen noch im Fernsehen habe ich so etwas gehört.

Wir haben unsere Arbeit, und die erledigen wir, egal, welchem Glauben ein Mensch anhängt, welchen Lebensprinzipien oder welcher sexuellen Orientierung, das macht im Prinzip keinen Unterschied.

Wenn hier zwei Schwule ankommen, die man verprügelt hat, dann nehme ich ihre Anzeige auf. Schließlich sind sie genauso Bürger wie alle anderen. Meine Meinung habe ich dabei sicher im Hinterkopf, aber meine Arbeit, die erledige ich. Wir haben ja auch noch Instanzen über uns, die uns auf die Finger schauen.

Generell habe ich allerdings meine eigene Position, was das angeht. Ich finde Homosexualität nicht gut. Aber es ist nicht so, dass ich sagen würde: Man muss die alle kaltmachen oder so. Ich weiß, dass diese Leute existieren, so in ihren eigenen Kreisen. Bitte, da sollen sie leben, wie es ihnen passt. Hauptsache, sie tragen das nicht in die breite Gesellschaft.

Solange sie sich in meiner Gegenwart genauso benehmen wie ganz normale Menschen, sich nicht mehr herausnehmen als jeder normale Mensch – solange ist mir das egal. Aber irgendwelche Zärtlichkeiten, oder wenn sie sich gegenseitig anfassen und ich bin dabei – das lasse ich nicht zu.

Wenn sie sich küssen – das ist echt abstoßend und unanständig, das will ich nicht, in meinen Augen ist das pervers, und dafür muss man sich irgendeinen Paragraphen ausdenken. Das Gesetz gegen die Homo-Propaganda unterstütze ich voll und ganz.

Um ehrlich zu sein, hab ich in den 26 Jahren meines Lebens noch nie Schwule getroffen. Hab nie welche gesehen, hab nur irgendwie davon gehört, dass es so was gibt. Gesehen habe ich das nur auf YouTube, wie sie da ihre Paraden veranstalten, aber so hatte ich nie damit zu tun.

Wenn jetzt zum Beispiel ein Freund von mir so einer wäre und ich das mitkriegen würde, würde sich meine Einstellung zu ihm ändern. Ich würde ein bisschen vorsichtig sein mit ihm. Nicht dass ich ihn verprügeln würde oder so … Aber wir hätten weniger Kontakt, ich würde nicht mit ihm durch den Park spazieren oder Eis essen gehen. Ich würde den Umgang auf das Nötigste beschränken.

Ich sehe mich als russischen Menschen, unsere russische Kultur war immer gegen so etwas. Und auch unser Land ist dagegen. Meine Kollegen bei der Polizei – das sind auch Menschen und die stehen dem auch ablehnend gegenüber.

Über solche Themen unterhalte ich mich mit meinen Kollegen natürlich nicht, da gibt es nichts zu unterhalten. Kann sein, dass mal ein Wort das andere gab und ein bisschen über diese Leute gekichert wurde. Sie sind nun mal da, keiner kann sie leiden, was gibt’s da groß zu reden.

Wenn, sagen wir, zwei Schwule sich zur Wehr setzen und mit jemandem aneinandergeraten würden, dann würde ich das vom Standpunkt des Gesetzes aus betrachten. Aber innerlich wäre ich natürlich auf der Seite des normalen Menschen und nicht auf der des Schwulen. Ich würde ihm zu verstehen geben, wie er es anstellen muss, damit er das Gesetz nicht verletzt. Ich meine, wie er es klug anstellt, um aus der Sache als Sieger hervorzugehen.

Alexander Smirnow, ehemaliger Assistent des Pressesprechers der Vizebürgermeisterin von Moskau im Bereich Bauwesen und Stadtentwicklung

Das erste Mal, dass ich mit einem Mord an einem Schwulen unmittelbar zu tun hatte, war noch in Blagoweschtschensk. Das war 2003. Viktor war 39. Er war Leiter einer bedeutenden Immobilienagentur. Damals hatte ich Angst, dass die polizeilichen Ermittler anfangen, alle Leute zu überprüfen, mit denen der Ermordete am Tag zuvor telefoniert hatte. Meine Angst war nicht, dass man mich der Tat verdächtigen könnte, sondern dass meine sexuelle Orientierung öffentlich gemacht werden würde.

Dann kam die Serie von Journalistenmorden in Moskau. Einzelne Hauptstadtmedien schrieben bereits offen über die Homosexualität der Opfer, zu denen Journalisten der Sender Erster Kanal, NTW, TV-Zentr und Expert-TV gehörten. Einige der Ermordeten hatte ich persönlich gekannt, und ich bekam das Gefühl, dass eine gezielte Jagd im Gange war. Im Grunde kam dieses Gefühl lediglich daher, dass der Mord an einem Journalisten für die Medien interessanter ist als der Mord an einem Verkäufer oder einem Buchhalter.

Die Zahl der getöteten schwulen Journalisten ist auch deshalb so erschreckend, weil man sich automatisch fragt, wie hoch wohl die realen Homophobieopfer-Zahlen sein mögen.

Den Freund einer Freundin von mir haben sie auch umgebracht, das war im Sommer 2010, der Junge war 26 Jahre alt, Dimitri Okkert. Er arbeitete beim Fernsehen. Als er einmal zwei Tage lang nicht aufgetaucht war, ging sie in seine Wohnung, die Tür stand offen, der Freund war tot, an seinen Stichverletzungen gestorben.

Ich weiß noch, wie sie damals zu mir sagte: „Man darf keine Zufallsbekanntschaften mit nach Hause nehmen.“ Aber wie oft muss man sich mit jemandem treffen, bevor man ihn zu sich nach Hause einlädt? In meinem Fall kam es zu einem Übergriff, nachdem der Mensch vorher schon einmal bei mir gewesen war.

2012 hatten wir uns kennengelernt, auf neutralem Boden, in Moskau, dann fuhren wir zu mir, hatten Sex. Nach einiger Zeit rief der Typ an und sagte, er wolle sich noch einmal mit mir treffen. Ich wohnte damals in Koroljow, wir fuhren mit der Elektritschka zu mir. Sein Komplize saß im selben Zug.

Wir schlossen die Haustür auf, alles okay, ich kochte was, deckte den Tisch, der Fernseher lief auf voller Lautstärke. Das nächste, woran ich mich erinnere, ist ein Schlag auf den Kopf, ich verlor aber nicht das Bewusstsein und erkannte am Geruch, dass sie mir eine Bierflasche über den Kopf gezogen hatten. Ich drehte mich um und sah, dass der Typ einen abgeschlagenen Flaschenhals in der Hand hielt. Neben ihm stand der andere, den er unbemerkt hereingelassen hatte. Ganz normale Jungs, slawisches Aussehen, nichts Auffälliges. Der eine hielt mir die abgebrochene Flasche an den Hals, der andere setzte mir das Messer an die Kehle.

Ich war barfuß, trat auf die Glasscherben, doch ich fühlte keinen Schmerz. Ich blutete am Kopf. Ich hatte eine Wahnsinnsangst. In diesen Sekunden wurde mir klar, dass das das Ende war. Ich konnte absolut nichts tun. Zwei Typen, bewaffnet, Fliehen war vollkommen sinnlos. Meine Kehle war knochentrocken. Ich konnte gerade noch denken, Scheiße, ich hab keine Angst zu sterben, aber zu so einem Tod bin ich nicht bereit. Das erste, was ich sagte, war: „Nehmt alles, den Computer, das Geld, aber lasst mich am Leben.“ Erniedrigend, aber so war es. Etwa eine Stunde lang quälten sie mich. Und dabei sagte der Typ, mit dem ich mich vorher schon getroffen hatte, allen Ernstes: „Wegen solchen wir dir ist mein Bruder jetzt auch schwul geworden.“ Sich selbst betrachtete er also nicht als schwul.

Dann verlangten sie Beweise, dass ich niemandem etwas erzählen würde. Ich hatte einen coolen Job damals, wenn die dort erführen, was Sache ist, würden die mich entlassen, erklärte ich, und darum würde ich nicht zur Polizei gehen. Schließlich zwangen sie mich noch, mich auszuziehen, machten pornografische Fotos, nahmen mein Notebook, mein Handy und mein Bargeld.

Erst wollten sie, dass ich mit meiner Karte Geld am Automaten abhebe, während sie danebenstehen, aber dann überlegten sie sich wohl, dass das nicht ungefährlich wäre, durchwühlten noch die ganze Wohnung und zogen ab. Als sie gingen, sagten sie, sie würden unten im Hausflur warten, sie wollten sichergehen, dass ich nicht um Hilfe rufe.

Nach der ganzen Sache setzte ich mich aufs Sofa und versuchte einfach nur meine Atmung wieder in den Griff zu kriegen. Dann holte ich mein altes Notebook heraus, schrieb einem Freund, er solle meine Chefin, die stellvertretende Bürgermeisterin, anrufen und sie informieren, dass ich nicht zur Arbeit kommen würde, ich sei auf der Straße überfallen worden und liege im Krankenhaus. Meine Kollegen wollten mich besuchen kommen, aber ich lehnte ab. Ich war nicht imstande, jemanden zu sehen.

Als ich mit der besagten Freundin von mir sprach, meinte die nur: „Ich habe dich ja gewarnt.“ Doch ich brauchte etwas anderes, ich brauchte unterstützende Worte, und ich war enorm verletzt damals. Heute verstehe ich, dass es einfach zu schlimm für sie gewesen wäre, noch einen Freund zu begraben.

Was ich in der Zeit danach durchgemacht habe, wünsche ich niemandem. Es hat mich extrem belastet, weiter in der Wohnung zu wohnen, auch in der Metro hatte ich Angst, ständig dachte ich, ich begegne diesen Typen noch einmal wieder.

Oft sind die Leute erstaunt, dass ich niemanden über die Sache informiert habe, mich nicht einmal um psychologische Unterstützung bemüht habe. Für mich war das so: Ich habe überlebt, aus und gut. Aber so ist das für russische Homosexuelle, wir müssen mit solchen Übergriffen selbst fertig werden. Denn nach der physischen Gewalt machst du ja noch die psychische Vergewaltigung in der Notfallambulanz durch, und bei der Polizei. Dabei sollte nicht das Opfer sich schämen, sondern der Täter. Unsere falsche Scham führt dazu, dass die Täter ungestraft bleiben.

Mittlerweile bin ich seit 15 Monaten in den USA, ich habe einen Job als Lagerarbeiter. Ich mache Therapie … Also ich denke, ich bin wahrscheinlich so weit okay … Ich hab einen Dreizehnstundentag. Aber ich habe kein einziges Mal bereut, dass ich Russland verlassen habe.